Als ich noch Geschäftsführer in einem großen Gesundheitskonzern war, hörte ich oft von Freunden: „Lass es doch mal langsamer gehen. Nimm Dir auch mal Zeit für Dich!“ Irgendwie fand ich das nett gemeint – dachte mir aber: Die wissen ja überhaupt nicht, was bei uns abgeht und wie ich gefordert bin.“ Und doch hörte ich auch im Unternehmen: „Du bist gar nicht mehr der, als den wir Dich kennengelernt haben: der zuhören kann, der Ruhe bringt in der Hektik, der Halt gibt, auch wenn Stürme toben.
Und natürlich war dann die Frage: Was muss ich ändern? Oder besser: Was will ich ändern? Gute Führungsarbeit kann ich nicht als Gehetzter leisten. Und vielleicht geht es auch gar nicht um die große Lebensentscheidung: Ab jetzt soll alles anders werden und ich nehme mir mehr Freizeit. Vielleicht macht ein kleiner Schritt schon den großen Unterschied: Innehalten im Alltag …
Innehalten klingt simpel. Ein kurzer Moment der Stille, ein Atemzug, eine Pause zwischen zwei Terminen. Und doch ist dieser kleine Zwischenraum eines der wirkungsvollsten Führungsinstrumente – und gleichzeitig eines der am meisten unterschätzten.
Vor einigen Wochen saß ich in einem Coachinggespräch mit einem Geschäftsführer, der mitten in einer komplexen Umstrukturierung stand. Die Agenda war eng, die Stimmung angespannt. Als eine Kollegin ihm eine dringende Entscheidung abverlangte, lehnte er sich zurück, schloss für wenige Sekunden die Augen – und sagte schließlich: „Gebt mir eine Minute.“
Mich hat seine Erfahrung beeindruckt: Diese Minute war der Wendepunkt. Nicht, weil die Entscheidung spektakulär anders ausgefallen wäre. Sondern weil sich in dieser kleinen Pause etwas Entscheidendes veränderte: Der Raum wurde ruhiger. Die Anspannung fiel ab. Plötzlich war Klarheit da, wo Sekunden zuvor noch Druck herrschte.
Dieser Moment hat mich wieder daran erinnert, was Innehalten wirklich bedeutet:
- Tempo bewusst reduzieren, um Perspektiven zu erweitern.
- Zwischen Reiz und Reaktion einen Raum schaffen.
- Führung nicht als Dauerlauf, sondern als rhythmische Bewegung verstehen.
In einer Welt, in der Geschwindigkeit oft mit Kompetenz verwechselt wird, ist die bewusste Entschleunigung ein Akt der Souveränität.
Pausen sind nicht die Unterbrechung der Führung – sie sind Teil der Führung.
Denn wer sich selbst keinen Raum lässt, kann anderen keinen schaffen.
Impulsfrage:
Wie bewusst nehmen Sie sich Zeit zum Innehalten – um klarer zu führen?
Interesse an Reflexion, Sparring oder Coaching?
Executive Coaching – ROIOS