Führung bewusst gestalten – Woche 3: Das Ego in der Chefetage – Freund oder Feind?

Autor: Albert-Peter Rethmann

Kaum ein Thema ist so präsent in Führung – und gleichzeitig so wenig besprochen – wie das Ego. Jede Führungskraft hat es, braucht es, kämpft mit ihm. Es treibt an – und es steht im Weg. Es schenkt Selbstvertrauen – und es kann Beziehungen vergiften.

Das Ego ist wie ein starker Motor: ohne ihn keine Bewegung, kein Gestaltungswille, keine Verantwortung. Aber wenn der Motor heißläuft, übertönt er alles andere – und die Verbindung zu sich selbst, zu anderen, zu Sinn und Wirkung geht verloren.

Die Frage ist also nicht, ob das Ego eine Rolle spielt, sondern: welche.

Das Ego als Schutzsystem

In Coachings mit Führungspersönlichkeiten taucht das Ego selten als Thema auf – und doch ist es in fast jedem Gespräch anwesend. Ich erinnere mich an einen Vorstand, der über seine Schwierigkeiten sprach, Verantwortung zu delegieren. „Ich weiß, ich müsste mehr loslassen“, sagte er, „aber wenn ich es tue, habe ich Angst, dass es schiefgeht – und ich verliere an Ansehen.“

Hinter dieser Angst stand kein mangelndes Vertrauen in das Team, sondern ein tieferes Muster: das Bedürfnis nach Kontrolle, nach Bedeutung, nach Sicherheit. Das Ego schützt – vor Verlust, Verletzlichkeit und Kontrollabgabe. Doch dieser Schutz hat einen Preis: Es schränkt die Bewegungsfreiheit ein.

Macht, Status und Selbstbild

Führung ist immer mit Macht verbunden. Macht an sich ist neutral – sie wird erst durch die innere Haltung zur Frage. Ein gesundes Ego nutzt Macht, um zu gestalten. Ein verletztes Ego nutzt Macht, um sich zu sichern.

In Organisationen, in denen Status hoch bewertet wird, wächst die Gefahr, dass Führung zur Bühne wird, nicht zur Verantwortung. Dann verschiebt sich der Fokus: von „Was braucht die Organisation?“ zu „Wie stehe ich da?“ Diese Dynamik ist subtil – und doch spürbar. Auf jeden Fall gilt: Mitarbeitende merken, ob sie Teil einer gemeinsamen Mission sind oder Teil einer Selbstdarstellung.

Wenn Kontrolle wichtiger wird als Vertrauen

Ein überaktives Ego zeigt sich oft dort, wo Kontrolle über Vertrauen dominiert. Wenn Führungskräfte ständig eingreifen, Details prüfen, sich nicht vertreten lassen können, ist das selten reine Sorgfalt. Meist ist es Ausdruck eines inneren Konflikts: „Wenn ich nicht alles selbst steuere, verliere ich an Wert.“

Aber das Gegenteil ist wahr. Führung, die loslässt, schafft Raum für Verantwortung, Kreativität und Selbstwirksamkeit. Kontrolle engt ein – Vertrauen erweitert. Und das bedeutet nicht, Macht abzugeben, sondern sie bewusster einzusetzen.

Das Ego als Signal

Ein reflektiertes Ego ist kein Feind, sondern ein Hinweisgeber. Es zeigt uns, wo wir uns bedroht fühlen, wo unser Selbstbild wackelt oder wo wir uns über Leistung definieren. Die Frage ist: Erkenne ich mein Ego – oder wird es mich führen?

Selbstreflexion bedeutet, die Bewegungen des Egos wahrzunehmen, ohne sich mit ihnen zu verwechseln. Ein Moment innerer Distanz reicht oft, um klarer zu sehen:

  • Warum triggert mich dieser Widerspruch so stark?
  • Geht es um die Sache – oder um mein Selbstbild?
  • Muss ich hier wirklich eingreifen – oder möchte ich nur beweisen, dass ich recht habe?

Diese Fragen sind unbequem – aber sie öffnen Bewusstsein. Und Bewusstsein ist die stillste Form von Macht.

Die Balance zwischen Selbst und System

Führung bedeutet, das eigene Ego nicht zu unterdrücken, sondern es in den Dienst des Systems zu stellen. Wer seine Bedürfnisse nach Anerkennung, Einfluss oder Sicherheit kennt, kann damit umgehen – statt unbewusst danach zu handeln.

Ich erlebe Führungskräfte, die diesen Schritt wagen, als spürbar authentischer. Sie brauchen keine ständige Bestätigung mehr, um wirksam zu sein. Ihre Autorität entsteht nicht aus Position, sondern aus innerer Stabilität.

Ein gesund integriertes Ego kann sagen: „Ich weiß, wer ich bin – und ich muss es nicht ständig beweisen.“ Das ist die wahrscheinlich reifste Form von Führung.

Vom Ich zum Wir

Wenn das Ego ruhiger wird, öffnet sich ein neuer Raum: Führung wird kollektiver, Beziehung wird ehrlicher, Kommunikation wird tiefer. Das System profitiert, weil Energie nicht mehr in Selbsterhalt fließt, sondern in Gestaltung.

Führungskräfte, die gelernt haben, ihr Ego zu kennen, schaffen Kulturen des Vertrauens. Sie wissen: Macht ist keine Ressource, die man hortet, sondern eine Energie, die man teilt.

Ego – Freund und Feind

Das Ego ist beides. Es ist Freund, wenn es uns Mut gibt, Verantwortung zu übernehmen, Visionen zu verfolgen und Grenzen zu setzen. Es ist Feind, wenn es Angst schürt, Abwehr erzeugt und das Vertrauen in andere schwächt.

Die Kunst der Führung liegt darin, das Ego nicht zu beseitigen, sondern bewusst zu führen.
Denn wer sich seines Egos nicht bewusst ist, wird von ihm geführt.Impulsfrage:
Wann unterstützt Ihr Ego Sie – und wann steht es Ihnen im Weg?
Haben Sie jemanden, mit dem oder mit der Sie Ihren Erfahrungen reflektieren können? Im Kollegenkreis? Im Rahmen von Coaching? Oder einen besten Freund außerhalb der gewohnten Bezüge?
Möchten Sie sich einen solchen Raum des Gesprächs suchen oder schaffen? Dann gehen Sie in dieser Woche einen Schritt in diese Richtung!

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